„Der Mensch soll auf dieser Erde durch gute Taten Spuren hinterlassen.“

Grafik: Historische abbíldungGemäß dieser Lebensauffassung stiftete Fürst Nikolaus Putjatin 1823 die nach eigenen Entwürfen gestaltete erste Dorfschule in Kleinzschachwitz – das heutige Putjatinhaus. Nahezu 50 Jahre lang unterrichtete der Lehrer Locke nacheinander bis zu (über) einhundert Kinder täglich im Erdgeschoss, während seine Familie in den oberen Räumen wohnte. Das Gebäude wurde zu klein und 1874 musste eine neue Schule gebaut werden (das heutige evangelische Gemeindehaus). Die alte Dorfschule wurde an den Sohn des Lehrers verkauft, der sie als Wohnhaus nutzte, Land zukaufte und ein Nebengebäude für seine Tischlerei baute. 1913 kaufte die Gemeinde das Anwesen zurück und ließ den ursprünglichen Zustand wiederherstellen, mit dem Ziel, das Haus für gemeinnützige Zwecke zu nutzen. Durch die beiden Weltkriege mit Geld- und Wohnungsnot blieb das Putjatinhaus aber bis 1959 ein Wohnhaus.
Nach dem Tod des zuletzt eingemieteten Tischlers (Renner), drohte das Werkstattgebäude zu verfallen, so dass es sich die Kleinzschachwitzer Jugend 1957 als Treffpunkt herrichtete. Von da an engagierten sich kulturell interessierte Anwohner dafür, dass die Bewohner des Putjatinhauses anderen Wohnraum erhielten, um endlich die öffentliche Nutzung des Gebäudes zu verwirklichen. Es wurde umgebaut und konnte im Januar 1961 als Kulturzentrum eröffnet werden.
Seitdem wurde es als Zentrum des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens im Stadtteil genutzt. Mit Veranstaltungsräumen, einer kleinen Bibliothek, als Treffpunkt für Partei und Massenorganisationen, Beratungs – und Rentenausgabestelle sowie als Ort des künstlerischen Volksschaffens wurde es bis 1983 ehrenamtlich von Felix Pfüller geleitet. Danach übernahm die Stadt die Betreibung durch die städtische Angestellte Nadja Schneider bis zur Schließung Ende 1991. Schon lange zuvor war das Obergeschoss baupolizeilich gesperrt und eine Generalsanierung war dringend geboten.
Nach einer aufwendigen und liebevollen Rekonstruktion der denkmalgeschützten Fassade und Neugestaltung des Inneren durch den Eigentümer, die Landeshauptstadt Dresden, konnte im Mai 1994 die Wiedereröffnung des Haupthauses gefeiert werden. Zuvor hatten die Anwohner tapfer um den Erhalt ihres Kulturhauses als öffentlich genutztes Gebäude gekämpft und einen Förderverein, mit Dr. Dorothea Hillscher als Vorsitzende, gegründet, der das Putjatinhaus nun mit völlig neuen Inhalten als soziokulturelles Zentrum mieten und betreiben sollte.

Foto: Ummbau Giebel Foto: Umbau Innenraum Foto: Umbau Dach

Es war ein sehr mühevoller Weg für einen zunächst absolut mittellosen Bürgerverein, ein funktionierendes Stadtteilkulturzentrum aufzubauen. Mit der Teilmöblierung und einer jährlichen finanziellen Förderung unterstützt die Stadt seit der Eröffnung die Arbeit, die hier geleistet wird. 2002 blieb auch das Putjatinhaus nicht von der großen Flut verschont und musste auf Grund starker Schäden und Sachwertverluste für ein Jahr das Büro in Container verlagern. Dank der großen Spendenbereitschaft von privaten Personen und vielen Institutionen konnte das Haus bereits ein Jahr später vollständig saniert wieder übergeben werden.

Foto: Putjatinhaus während der Flut

Seit der Betreibung des Putjatinhauses durch den Förderverein wurde über die Jahre ein eigenes Profil erarbeitet, das sich immer der Struktur des Wohnumfeldes verpflichtet fühlte. Von Beginn an stand eine basisnahe Kulturarbeit auf dem Programm. Dabei soll allen Menschen der Zugang zu eigenem kreativen Schaffen ermöglicht werden. Definiert durch einen weiten Kulturbegriff, der mehr meint als die klassischen Künste, bedient das Haus heute vielseitige kulturelle Themen, ist Treffpunkt, Ort für Initiativen und Menschen, die gemeinsam etwas schaffen wollen. Viele engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben dem Haus bisher Form und Inhalt gegeben, ihr Herzblut und ihre Ideen in die Programme des Hauses eingebracht. Der ca. 100 Mitglieder zählende Verein hat dabei nicht nur als juristischer Träger fungiert, sondern mit aktiven Mitgliedern selbst Programmpunkte gestaltet und die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in vieler Hinsicht unterstützt.
Heute profitiert das Haus von seiner reichen Geschichte, von den Ideen seines Stifters, eines Menschenfreundes und progressiven Denkers und nicht zuletzt von den Spuren, die jeder einzelne Künstler, Mitarbeiter, Helfer oder Besucher hinterlassen hat.
Die Vielfalt ist auch heute noch die Kraft, die uns bunt denken und die Traditionen fortleben lässt. Unter Tradition verstehen wir dabei nicht die Aufbewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers – als den progressiven Geist, der das Haus seit vielen Jahren begleitet.

Foto: Putjatinhaus im Winter Foto: Schriftzug am Zaun Foto: Garten, Haupt- und Nebengebäude

Wer war Putjatin?

Nun kurz einiges Wissenswerte über den russischen Fürsten Putjatin, der unser Haus vor fast 200 Jahren hat erbauen lassen:
  • Nikolaus Abramowitsch Putjatin, geb. 16. Mai 1749 in Kiew (damals zu Russland gehörend)
  • Kind eines alten russischen Fürstengeschlechtes
  • sein Vater war u. a. Oberst im Dragonerregiment von Novgorod
  • im Alter von 10 Jahren Eintritt in eine Regimentsschule, die auch in Kunst und Wissenschaft eine solida Ausbildung bot
  • schon in jungen Jahren diplomatische Dienste für Katharina II.
  • 1789 Heirat der geschiedenen baltendeutschen Gräfin Elisabeth von Sievers
  • Reisen durch Deutschland, England, Frankreich und Italien
  • 1796/1797: Landkauf in Kleinzschachwitz, Bau einer Sommervilla mit Landschaftspark mit Park und Tempel
  • Stifter und Architekt der ersten Schule für die Kinder von Kleinzschachwitz und Umgebung, die am 10.9.1823 eingeweiht wurde (das heutige Putjatinhaus)
  • Fürst Putjatin starb am 13. Januar 1830 in seiner Dresdner Stadtwohnung am Neumarkt

Fürst Putjatin – ein Dresdner Original ?

Poträt: Fürst PutjatinZeitzeugen wie Wilhelm von Kügelgen beschreiben Fürst Putjatin als liebenswerten Sonderling. Die Beliebtheit des Fürsten Putjatin beruhte nicht allein auf seinen originellen und skurrilen Erfindungen, sondern er war auch ein kenntnisreicher Mann auf unterschiedlichen Gebieten der Philosophie, Kunst und Wissenschaft und eine geachtete Persönlichkeit. Doch vor allen Dingen schätzte man ihn als gütigen Menschenfreund und liebenswerten Zeitgenossen – als Humanisten. Bei schönem Wetter trug er eine großschirmige Mütze, eine Brille mit blauen Gläsern und einen bis zu den Füßen zugeknöpften Überrock. Rechts vor der Brust hing an einem Haken ein monströser Schirm, links eine Hundepeitsche und eine Flöte oder Schalmei, Signalgeber für seine ihn stets begleitenden Möpse. Weil er keine Beinkleider trug, dienten ihm Leinewandstreifen als Ersatz, und Blechbänder an den Schuhschäften sollten vor Hundebissen schützen. Eine Gesichtslarve sollte gegen Wind und Staub Schutz bieten. Bei Regenwetter glich er einem wandelndem Schilderhaus: Mit Fenstern versehen, bedeckte eine schwarze Tafthülle die ganze Gestalt. Durch die Fenster konnte er die geliebte Natur gut beobachten. Wenn Putjatin bei kalter Witterung durch die Straßen fuhr, stieg Rauch aus der beheizten Kutsche. Im Sommer ruhte der Kutschkasten auf einem luftgefüllten Lederballon, der zwei Blasebälge speiste, die dem Fürsten während der Fahrt Kühlung spendeten. Fürst Putjatin war ein eigenwilliger Gesundheitsapostel. Die täglichen FKK-Luftbäder, die er sich verordnete, nahm er auch auf einem “Zwischendeck” seines Empfangszimmers. Ungesehen unterhielt er sich von dort aus mit seinen Besuchern.